Einleitung: Das kontraintuitivste Wunder der Wahrscheinlichkeitstheorie
2003 stellte der dänische Informatiker Peter Bro Miltersen das berühmte Problem der 100 Gefangenen vor:
- \(100\) zum Tode verurteilte Gefangene tragen die Nummern \(1\) bis \(100\). In einem Raum stehen \(100\) verschlossene Schubladen, in denen die Nummern \(1\) bis \(100\) zufällig verteilt liegen (eine Permutation \(\sigma \in S_{100}\)).
- Regel: Jeder Gefangene betritt einzeln den Raum und darf höchstens \(50\) Schubladen öffnen, um seine eigene Nummer zu finden. Danach wird der Raum exakt in den Ausgangszustand versetzt; jede Kommunikation nach Spielbeginn ist ausgeschlossen (vorher darf eine Strategie vereinbart werden).
- Überlebensbedingung: Nur wenn alle \(100\) Gefangenen ihre Nummer finden, werden alle begnadigt; scheitert auch nur ein Einziger, werden alle hingerichtet.
Öffnet jeder unabhängig \(50\) zufällige Schubladen (unabhängige Strategie), hat jeder einzeln die Chance \(1/2\), doch die gemeinsame Überlebenswahrscheinlichkeit beträgt:
\[\mathbb{P}(\text{alle überleben})_{\text{unabh.}} = \left(\frac{1}{2}\right)^{100} \approx 7{,}89 \times 10^{-31}\]Dennoch fand Miltersens Kollege Sven Skyum die Zyklensuchstrategie (Pointer-Following Strategy), die die Überlebenschance ohne ein einziges Bit Kommunikation auf \(31{,}18\,\%\) katapultiert!
Kapitel 1: Die Zyklensuchstrategie und disjunkte Permutationszyklen
Skyums Strategie für Gefangenen Nummer \(k \in \{1, \dots, 100\}\) lautet:
- Schritt 1: Öffne zuerst Schublade Nr. \(k\).
- Schritt 2: Liegt darin der Zettel \(x_1 = k\), bist du fertig. Falls \(x_1 \neq k\), öffne als Nächstes Schublade Nr. \(x_1\).
- Schritt 3: Lies die neue Nummer \(x_2\) und öffne Schublade Nr. \(x_2\), d. h. folge der Kette \(k \mapsto \sigma(k) \mapsto \sigma^2(k) \mapsto \cdots\), bis \(k\) gefunden ist oder \(50\) Versuche verbraucht sind.
flowchart TD
Start["Gefangener k betritt den Raum (max. 50 Versuche)"]
Step1["Schritt 1: Öffne Schublade k, lies Zettel x = σ(k)"]
Check{"Zettel x == k ?"}
Win["Eigene Nummer k gefunden!"]
Limit{"Geöffnete Schubladen < 50 ?"}
Next["Folge dem Zeiger: Öffne Schublade x (x ← σ(x))"]
Lose["Nach 50 Schritten nicht bei k: Alle werden hingerichtet"]
Start --> Step1 --> Check
Check -- "Ja" --> Win
Check -- "Nein" --> Limit
Limit -- "Ja" --> Next --> Check
Limit -- "Nein (Zykluslänge ℓ > 50)" --> Lose
Warum funktioniert das? Die Zuordnung Schublade \(\mapsto\) Zettel ist eine Bijektion \(\sigma\) in der symmetrischen Gruppe \(S_{2n}\) (\(2n=100\)). Jede endliche Permutation zerfällt eindeutig in disjunkte Zyklen:
\[\sigma = C_1 \circ C_2 \circ \cdots \circ C_m, \qquad \sum_{i=1}^m |C_i| = 2n = 100\]Da \(\sigma\) bijektiv ist, hat kein Zyklus Sackgassen: Wer bei Schublade \(k\) startet, durchläuft den eindeutigen Zyklus, der \(k\) enthält, und endet beim Vorgänger \(\sigma^{-1}(k)\) (der Schublade, die den Zettel \(k\) enthält). Daher gilt:
- Gefangener \(k\) hat genau dann Erfolg, wenn sein Zyklus die Länge \(\ell \le 50\) hat.
- Alle \(100\) Gefangenen überleben genau dann, wenn die Permutation \(\sigma \in S_{100}\) keinen einzigen Zyklus der Länge \(\ell > 50\) besitzt!
Kapitel 2: Abzählung langer Zyklen und harmonische Zahlen (\(1 - \ln 2\))
Für \(2n\) Gefangene (\(n = 50\)) kann eine Permutation \(\sigma \in S_{2n}\) höchstens einen einzigen Zyklus der Länge \(\ell > n\) enthalten, da zwei disjunkte Zyklen mindestens \((n+1)+(n+1) = 2n+2 > 2n\) Elemente bräuchten. Die Ereignisse \(E_\ell := \{\sigma \text{ enthält einen Zyklus der Länge } \ell\}\) für \(\ell = n+1, \dots, 2n\) sind somit paarweise disjunkt! Die Anzahl solcher Permutationen ist:
- Wähle \(\ell\) Elemente für den langen Zyklus: \(\binom{2n}{\ell}\) Möglichkeiten;
- Ordne diese \(\ell\) Elemente zu einem gerichteten Kreis an: \((\ell - 1)!\) Möglichkeiten;
- Permutiere die übrigen \(2n - \ell\) Elemente beliebig: \((2n - \ell)!\) Möglichkeiten.
Multiplikation kürzt fast alle Fakultäten weg:
\[|E_\ell| = \binom{2n}{\ell} \cdot (\ell - 1)! \cdot (2n - \ell)! = \frac{(2n)!}{\ell! \, (2n - \ell)!} \cdot (\ell - 1)! \, (2n - \ell)! = \frac{(2n)!}{\ell}\]Division durch \(|S_{2n}| = (2n)!\) ergibt exakt \(\mathbb{P}(E_\ell) = \frac{1}{\ell}\). Mit den harmonischen Zahlen \(H_N = \sum_{k=1}^N \frac{1}{k}\) folgt die exakte Überlebenswahrscheinlichkeit:
\[\boxed{P_{\text{success}}(2n) = 1 - \sum_{\ell = n+1}^{2n} \frac{1}{\ell} = 1 - \left(H_{2n} - H_n\right) \xrightarrow{n \to \infty} 1 - \int_1^2 \frac{dx}{x} = 1 - \ln 2 \approx 30{,}685\,\%}\]Für \(2n = 100\) erhält man \(P_{\text{success}}(100) = 1 - (H_{100} - H_{50}) \approx \mathbf{31{,}1828\,\%}\)!
Kapitel 3: Risikokopplung statt Informationsübertragung
flowchart TD
Pool["Fester Fehlerpool: Erwartete Fehlversuche E[Fehler] = 50"]
Indep["Unabhängige Strategie: Erfolge unkorreliert (Fehler über fast alle Welten verteilt)"]
Cycle["Zyklensuchstrategie: Schicksale über Zyklusstruktur von σ gekoppelt"]
ResI["In 99,99...92 % der Welten scheitert mind. 1 → Überleben ≈ 7,89×10⁻³¹"]
ResC["68,82 % der Welten (ℓ>50) bündeln alle Fehler → 31,18 % der Welten 100 % fehlerfrei!"]
Pool --> Indep --> ResI
Pool --> Cycle --> ResC
| Merkmal | 1. Unabhängige Strategie | 2. Zyklensuchstrategie |
|---|---|---|
| Einzelwahrscheinlichkeit \(\mathbb{P}(A_k)\) | \(50{,}00\,\%\) | \(50{,}00\,\%\) (identisch) |
| Erwartete Erfolge \(\mathbb{E}[X]\) | \(50\) Gefangene | \(50\) Gefangene (identisch) |
| Korrelation | Unabhängig | Stark positiv gekoppelt über \(\sigma\) |
| Überlebenschance aller \(100\) | \((1/2)^{100} \approx 7{,}89 \times 10^{-31}\) | \(1 - (H_{100} - H_{50}) \approx 31{,}18\,\%\) |
| Grenzwert \(n \to \infty\) | \(0\) | \(1 - \ln 2 \approx 30{,}685\,\%\) |
- Kopplung (Coupling): Da 1 Fehlversuch genauso tödlich ist wie 51 Fehlversuche, bündelt die Zyklensuchstrategie alle Fehlversuche in den \(68{,}82\,\%\) Permutationen mit einem langen Zyklus (\(\ell > 50\)), sodass volle \(31{,}18\,\%\) des Wahrscheinlichkeitsraums komplett fehlerfrei bleiben!
- Schutz gegen einen böswilligen Wärter: Vereinbaren die Gefangenen vorab eine geheime Zufallsbijektion \(\tau \in S_{100}\), verwandelt die Konjugation \(\tau \sigma \tau^{-1}\) jede manipulierte Anordnung wieder in eine gleichverteilte Zufallspermutation mit \(31{,}18\,\%\) Überlebenschance.
